I. Allgemeine Einführung

Die demografischen Veränderungen werden Auswirkungen auf das gewohnte Leben in der Kommune haben. Damit die Folgen beherrscht werden können, müssen sich die Kommunen frühzeitig auf den Wandel einstellen. Dies erfordert Planung, die auf gesicherter Datengrundlage beruhen muss. Genau darum geht es bei der Sozialplanung für Senioren – den Kommunen ein Instrument, ein Handwerkszeug anzubieten, das ihnen helfen kann, diese Planungsgrundlage zu erstellen, damit politische Entscheidungen sich auf gesicherte Erkenntnisse stützen können.

„Seniorenpolitik“ ist stets mit Vorbehalt zu verstehen: Es steht zwar im Vordergrund, dass immer mehr Menschen immer älter werden. Dies ist jedoch kein isoliertes Phänomen, sondern im Kontext des gesellschaftlichen Zusammenlebens aller Generationen zu sehen, das mithin als Ganzes von „seniorenpolitischem“ Handeln betroffen ist.

Demografische Entwicklung und kommunaler Planungsbedarf

Der demografische Wandel in seinen unterschiedlichen Facetten nimmt in der öffentlichen Wahrnehmung einen immer breiteren Raum ein: Geburtenrückgang, Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung sind die Stichworte einer Debatte, die nach Wissenschaft und Politik jetzt auch in den Medien geführt wird und die Bedeutung dieser Thematik in den Fokus der Allgemeinheit rückt.

Was dabei häufig die größte Aufmerksamkeit findet, sind die Folgen der beschriebenen Veränderungen für die Finanzierung der Sozialsysteme; daneben sind die Menschen aber ganz unmittelbar auch in ihren Alltagsbezügen von diesem Prozess betroffen. Die Orte, in denen die Auswirkungen der demografischen Entwicklung primär in den Blick genommen werden müssen, um auf die Lebensverhältnisse bedarfsorientiert gestaltend Einfluss nehmen zu können, sind die Kommunen, d. h. die kreisfreien Städte, Kreise, kreisangehörigen Städte und Gemeinden. Es liegt auf der Hand, dass hier das Leben in seiner konkreten Vielfalt stattfindet und darum hier die Voraussetzungen – insbesondere infrastruktureller Art – für diese Vielfalt geschaffen, erhalten und bei Bedarf modifiziert werden müssen.

Alterung der Bevölkerung bedeutet nicht automatisch Pflegebedürftigkeit

Spätestens seit Mitte der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts hat sich bemerkbar gemacht, was in Bevölkerungsprognosen bereits zu lesen gewesen war: eine Alterung der Bevölkerung, die als unerwartet starke Steigerung der Zahl pflegebedürftiger Menschen in Erscheinung trat und z. T. erhebliche Versorgungsprobleme verursachte. Es waren die Kommunen, die davon vor allem getroffen wurden, und zwar dreifach: als Einrichtungsträger, verantwortliche Instanz für die Planung der erforderlichen Versorgungskapazitäten und nicht zuletzt als Kostenträger, d. h. örtlicher Sozialhilfeträger. Die immensen Aufwendungen für die Finanzierung der Pflege haben vor der Frage der Pflegequalität die Auseinandersetzungen um die Einführung einer Pflegeversicherung bestimmt, von der eine spürbare Entlastung der kommunalen Haushalte erwartet wurde.

Ein solcher Effekt ist durch die 1995 neu errichtete, zunächst nur im Bereich der stationären Pflege wirksame vierte Säule der Sozialversicherung auch eingetreten, obschon die Kommunen in erheblichem Maße an den Kosten bei stationärer Pflegebedürftigkeit beteiligt bleiben. Grund dafür ist, dass die Pflegeversicherung lediglich für die pflegerische Versorgung, nicht jedoch für die mit der Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung verbundenen Kosten aufkommt, die vielmehr vom Sozialhilfeträger übernommen werden müssen, wenn die betreffende pflegebedürftige Person selbst dazu nicht (mehr) in der Lage ist. Angesichts der angespannten Haushaltslage in den Kommunen ist es daher nicht verwunderlich, wenn die Alterung der Gesellschaft hauptsächlich mit Pflegebedürftigkeit und diese mit wachsenden finanziellen Belastungen assoziiert wird. Dieses nach wie vor verbreitete Denken ist nachweislich falsch.

Zwar sind die meisten Pflegebedürftigen ältere Menschen, doch sind keineswegs die meisten älteren Menschen pflegebedürftig.

Vielfalt des Alters

Die Vielfalt des Alters, die Diversität von Lebenslagen im Alter, ist immer Forschungsgegenstand sozialer Gerontologie und verwandter wissenschaftlicher Disziplinen gewesen. So ist in den Achtzigerjahren das Konzept des Altersstrukturwandels eingeführt worden, um wesentliche Aspekte der demografischen Veränderung zusammenfassend zu bezeichnen, die mittlerweile als bekannt vorausgesetzt werden dürfen:

  • Verjüngung des Alters, d. h. Beendigung des Berufslebens vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze (ob dieser Trend durch Heraufsetzen der Altersgrenze auf 67 Jahre gebrochen wird, bleibt abzuwarten);
  • zunehmende Hochaltrigkeit, d. h. Steigerung der Anzahl und des Anteils von Personen im Alter von mindestens 80 Jahren;
  • Feminisierung, d. h. Überwiegen des Frauenanteils, besonders im höheren Alter;
  • Singularisierung, d. h. häufigeres Alleinleben älterer Menschen;
  • kulturelle Differenzierung, d. h. Anwachsen der Zahl und des Anteils älterer Menschen nicht-deutscher Herkunft.

Überlagert ist dieser Strukturwandel des Alters bzw. Alterns vom Gesundheitszustand sowie von sozialen Differenzierungen in Bezug auf Einkommen bzw. Vermögen, Bildung, berufliche Stellung usw. Generell kommt im Alter außerdem zunehmend zum Tragen, was unter Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile verstanden wird.

Altenhilfe - ein veraltetes Konzept

Die Altenhilfe als solche ist veraltet – nicht dass im Alter der Anspruch auf Hilfe verwirkt wäre, doch kann dieser sachlich nicht auf das Alter eines Menschen gegründet werden. Dass die Kommunen dennoch an der Altenhilfe als Arbeitsbereich festhalten, ihr der Tendenz nach aber gleichzeitig den konzeptionellen Boden entziehen, folgt paradoxerweise aus der Finanznot und der Fixierung auf das Problem der Pflegebedürftigkeit: Wenn die pflegerische Versorgung (älterer Menschen) den Kommunen trotz Pflegeversicherung Kosten verursacht, müssen sie daran interessiert sein, diese zu begrenzen. Und wenn darüber hinaus an den Versorgungskosten selbst nicht zu sparen ist, muss versucht werden, möglichst zu verhindern, dass es zu Pflegebedürftigkeit in einem Grad kommt, in dem stationäre Pflege unausweichlich ist. Zugleich scheint in einer Zeit, in der staatliche Leistungen aller Art immer öfter unter dem Vorbehalt ihrer Finanzierbarkeit stehen, die Wertschätzung der Potenziale des Alters zu steigen, was ehrenamtliches, bürgerschaftliches oder freiwilliges und unentgeltliches Engagement angeht. So gerät zunehmend das Alter als Ressource in den Blick, was im doppelten Wortsinn förderungswürdig ist: Bleiben ältere Menschen aktiv, wirkt sich das präventiv aus und erhöht die Wahrscheinlichkeit, weiter zu altern, ohne pflegebedürftig zu werden, und sich zumindest (länger) selbst versorgen zu können.

Ein neuer Planungsbegriff

Gestaltung meint planvolles Handeln, setzt also Planung voraus. Planungsprozesse, welche die Lebenssituation von älteren Menschen zum Gegenstand haben, sind in den Kommunen nichts Ungewöhnliches. Ebenso wie der demografische Wandel zum Verständnis und zur Bewältigung seiner Konsequenzen ein verändertes Altersbild verlangt, unterliegt auch der Planungsbegriff der Notwendigkeit einer prinzipiellen Erneuerung. Der Begriff „Altenhilfeplanung“ passt überhaupt nicht mehr. Auch „Altenplanung“ als häufig bevorzugte Bezeichnung für ein weitreichenderes Planungskonzept trifft die neuen Anforderungen an Planung nicht, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben. Dessen augenfälligstes Phänomen ist zwar das Älterwerden der Gesellschaft, es geht jedoch nicht um die Zukunft des Alters allein, sondern um die Zukunft des Zusammenlebens der Generationen in den Kommunen.

Planung muss sich demnach auf die kommunale Gesamtentwicklung vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mit einem Schwerpunkt Alterung beziehen. Neben diesem inhaltlichen Moment von Planung ist ein methodisches bestimmend, das als solches nicht neu ist, aber konsequent zur Geltung gebracht werden muss: Planung ist im weitesten Sinne als kommunale, als Gemeinschaftsaufgabe zu begreifen und – vor allen Dingen – zu praktizieren, nicht der kommunalen Politik und Verwaltung allein zu überlassen, sondern von der örtlichen Gemeinschaft der Menschen durchzuführen, die in einer Kommune leben. Ältere Menschen müssen also grundlegend in die Planungsprozesse eingebunden werden – ohne sie zu dominieren, also nicht um eine Gerontokratie, d. h. eine Herrschaft der Alten zu errichten, sondern im Gegenteil (Mit-)Verantwortlichkeit für das Gemeinschafts-Ganze durch Beteiligung zu erreichen. Dazu auf die vielerorts üblichen Formen der Repräsentanz wie Seniorenvertretung, -beirat, -beauftragte zurückzugreifen, ist eindeutig zu wenig: Planungsbeteiligung muss konstruktiv sein, sonst ist sie überflüssig, und deswegen an Kriterien wie Kompetenz und Verlässlichkeit gebunden sein, denen zu genügen organisationsunabhängig ist. So können wichtige planungsrelevante Impulse mit gutem Grund von nicht organisierten (älteren) Menschen erwartet werden.

In anderer Hinsicht bleibt das Planungsverständnis konservativ: Die gesamte Planungsverantwortung muss in professioneller Hand und in der Zuständigkeit der Kommunen liegen. Dazu bedarf es einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters[1] der Kommunalverwaltung in hauptamtlicher Funktion, die bzw. der entsprechend qualifiziert und mit den erforderlichen Befugnissen innerhalb der Verwaltungshierarchie ausgestattet ist. Die formale berufliche Qualifikation dieses Mitarbeiters ist dabei nicht entscheidend; vielmehr kommt es aber auf die Sachkompetenz in Planungsangelegenheiten an, über die in Ausnahmefällen auch ein Sozialarbeiter verfügen kann.

Neben der Gesamtsteuerung des Planungsprozesses obliegt der betreffenden Person insbesondere die (Koordination der) Datenbeschaffung. Grundlage jeglicher Planung sind Detailkenntnisse der aktuellen Situation und Prognosen über zu erwartende Entwicklungen. Folglich müssen alle in dieser Beziehung wesentlichen Informationen gesammelt und ausgewertet werden.

An diesem Punkt kommt die Sozialplanung für Senioren ins Spiel.


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nur die männlichen Bezeichnungen verwendet. Wenn von Senioren, Bürgern und dergleichen die Rede ist, sind die weiblichen Begrifflichkeiten immer mitgemeint. Sollte es sich nur um frauenspezifisch relevante Themen handeln, wird explizit im Text darauf hingewiesen.