Indikator 5.6 B
Häusliches Pflegepotenzial

Der Indikator gibt darüber Auskunft, inwieweit die pflegerische Versorgung von Angehörigen vor Ort geleistet werden kann. Wenn die Anzahl derjenigen, die ambulante Leistungen in Anspruch nehmen, hoch ist, kann daraus geschlossen werden, dass das häusliche Pflegepotenzial gering ist. In diesem Fall muss dafür Sorge getragen werden, dass ausreichend ambulante Dienste vor Ort sind.

Ursachen für ein niedriges häusliches Pflegepotenzial können sein:

  • der Pflegebedürftige hat keine Angehörigen
  • Angehörige (Partner/in und/oder Kind/er) sind berufstätig
  • Angehörige leben weit entfernt vom Wohnort des zu Pflegenden
  • die Bereitschaft, den Angehörigen (Mutter/Vater) zu pflegen bzw. von dem Angehörigen gepflegt zu werden, ist nicht gegeben

Hinzu kommt, dass pflegende Angehörige, insbesondere (Schwieger-)Töchter, bedingt durch Berufstätigkeit und/oder durch die parallele Betreuung der Kinder, einer Doppel- bzw. Dreifachbelastung unterliegen.

bis Der Bedarf an institutionellen sowie informellen Unterstützungsleistungen ist in entscheidendem Maße abhängig von dem Haushaltsstatus des zu Pflegenden sowie seiner Eingebundenheit in ein soziales Netzwerk. Ältere Frauen leben überwiegend in Einpersonenhaushalten, wohingegen Männer der gleichen Altersgruppe noch mit ihren Partnerinnen zusammenleben. Folglich ist der Bedarf an Unterstützungsleistungen von Dritten bei älteren Frauen höher einzuschätzen als bei älteren Männern (vgl. 1.8 E).

bis Die Familie, insbesondere die Töchter und Schwiegertöchter, pflegen ihre Angehörigen oft jahrelang und nehmen dafür selbst soziale Isolation und gesundheitliche Schäden in Kauf. Die Entlastung pflegender Angehöriger stellt einen wesentlichen Faktor bei der Entwicklung wirksamer Versorgungssysteme dar.

Abbildung 7: Hauptsächliche Nutzer professioneller Sachleistungen der Pflegeversicherung (Leistungsbezieher der Pflegeversicherung in Privathaushalten zum Jahresende 2002)

 

Nutzer, die überwiegend professionelle Pflegeleistungen in Anspruch nehmen

  • Haushalte mit Pflegebedürftigen mit höherer Pflegestufe bzw. mit intensivem medizinischem Behandlungs-/Versorgungsbedarf
  • alleinlebende Pflegebedürftige/Pflegebedürftige mit nicht ständig verfügbarer privater Hauptpflegeperson 
    bis Haushalte mit nicht privat kompensierbaren besonderen Bedarfslagen
  • Haushalte mit hohem Einkommen

Weniger relevant sind dagegen:

  • regionale Faktoren (Ost/West bzw. Stadt/Land)
  • soziale Schicht und „Bildungsmilieu“
  • Art des Pflegebedarfs (rein körperlich oder im Verbund mit kognitiven Defiziten/Demenz)
  • Belastung der Hauptpflegeperson durch zusätzliche Aufgaben, die neben der Pflege anstehen
 

Quelle: TNS Infratest Repräsentativerhebung 2002

bis 2003 sind in Deutschland rund 5 % der Männer und knapp 8 % der Frauen an der Versorgung Pflegebedürftiger beteiligt. Das entspricht zu diesem Zeitpunkt etwa einer Anzahl von 4,3 Mio. Erwachsenen. Der zeitliche Umfang an einem durchschnittlichen Wochentag betrug bei pflegenden Männern 2,5 Stunden, bei Frauen rund 3 Stunden (vgl. Schupp/Künemund 2004).

bis In fast drei Viertel der Fälle aller Haushalte mit Pflegebedürftigen ist die Hauptpflegeperson weiblich. Die Hauptpflegeperson gehört darüber hinaus zu 60 % zur Altersgruppe der über 55-Jährigen. Über zwei Drittel aller Hauptpflegepersonen sind verheiratet. 60 % sind nicht (mehr) erwerbstätig. Aus diesen Informationen kann geschlossen werden, dass vornehmlich der Partner oder ein Elternteil versorgt wird; es könnte aber genauso gut auch ein Nachbar sein, der gepflegt wird. Gut ein Viertel der Hauptpflegepersonen ist im Alter zwischen 40 und 54 Jahren (vgl. Tabelle 98). Bei diesem Personenkreis kann davon ausgegangen werden, dass mindestens ein Elternteil versorgt wird. So ist hier bei einer zusätzlichen Versorgung der eigenen Familie sowie durch mögliche Berufstätigkeit von einer Mehrfachbelastung auszugehen.

Tabelle 98: Demografische Merkmale der privaten Hauptpflegepersonen von Pflege- und Hilfebedürftigen (in %)

Quelle: TNS Infratest Repräsentativerhebung (2002); Schneekloth/Leven; Berechnungen des DIW Berlin – in: Schupp/Künemund (2004): Private Versorgung und Betreuung von Pflegebedürftigen in Deutschland. Wochenbericht des DIW Berlin 20/2004

Mehr zu diesem Thema:

  • Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e. V. (Hrsg.) (2003): Zur Lebenslage pflegender Angehöriger psychisch kranker alter Menschen. Münster: LIT-Verlag
  • Barkholt, Corinna/Lasch, Vera (2004): Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit – Expertise zum Fünften Altenbericht, Bericht als PDF (S. 19f)
  • Schneekloth, U./Wahl, H. W. (Hrsg.) Möglichkeiten und Grenzen selbstständiger Lebensführung in privaten Haushalten (MuG III),  Bericht als Online-Version
  • Schupp, H./Künemund, J. (2004): Private Versorgung und Betreuung von Pflegebedürftigen in Deutschland. Wochenbericht des DIW Berlin 20/2004, Artikel als Online-Version