Indikator 1.3 B - Menschen mit Migrationshintergrund

Exkurs: Begriffsdefinitionen

Deutsche: Deutsch im Sinne des Grundgesetzes ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkzugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiet des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31.12.1937 Aufnahme gefunden hat (Art. 114 Abs. 1 GG).

Aussiedler/Spätaussiedler: Aussiedler sind eine deutsche Minderheit, die aus den ost- und südeuropäischen Ländern aufgrund von Unterdrückung und Diskriminierung nach Deutschland immigrieren. Seit der Einführung des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes (1993) werden Aussiedler als Nachzügler der allgemeinen Vertreibung und somit als Spätaussiedler bezeichnet.
Eingebürgerte: Eingebürgerte Personen sind Personen ursprünglich ausländischer Nationalität, die die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben.

Ausländer: Ausländer sind Personen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben und gleichzeitig keine Deutschen im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 GG sind. Dies können direkt zugewanderte Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit sein oder Kinder von Ausländern, die vor dem Inkrafttreten des neuen Staatsangehörigkeitsrechtes von 2000 in Deutschland geboren worden sind.

Migranten: Migranten sind Personen, die ihren Lebensmittelpunkt über die Grenzen eines Nationalstaates verlegt haben, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Somit zählen auch Spätaussiedler und Eingebürgerte, die Deutsche im Sinne des Grundgesetzes sind, zur Gruppe der Migranten.

Menschen mit Migrationshintergrund: Diese Begrifflichkeit umfasst all diejenigen Personen in Deutschland, die unabhängig von ihrer Nationalität und unabhängig davon, ob sie selbst immigriert sind, nichtdeutsche Aspekte in ihrem Leben haben. Dies können zugewanderte Ausländer, in Deutschland geborene Ausländer, eingebürgerte Ausländer, (Spät-) Aussiedler oder Kinder mit mindestens einem Elternteil, das eines der genannten Merkmale erfüllt, und die ihren Wohnsitz in Deutschland haben, sein.

Unzureichende Ausländerstatistik
Die meisten amtlichen Statistiken differenzieren ausschließlich nach Staatsangehörigkeit und lassen damit Personen wie Eingebürgerte, Aussiedler sowie die ab dem 01.01.2000 geborene Kinder von Ausländerinnen aufgrund ihres deutschen Passes außer Acht. Spätaussiedler werden nur von der ersten Kommune als solche registriert, der sie nach ihrer Einreise zugewiesen worden sind. Nach einem Umzug werden sie nicht mehr als Nichtdeutsche verzeichnet und fallen daher aus der Statistik. In diesem Fall können Rückschlüsse über die Herkunft nur noch gezogen werden, wenn jemand über eine doppelte Staatsbürgerschaft verfügt. Ähnlich verhält es sich mit Eingebürgerten.
Für diese Personengruppen, die aufgrund ihrer Herkunft, Sprache oder Erziehung besonderer Beachtung bei Planungsvorhaben bedürfen, können daher nur schwer fundierte Aussagen getroffen werden. Dies ist jedoch Voraussetzung für eine bedarfsorientierte Planung.
Aus diesem Grund sollte bei Erhebungen jeglicher Art nicht nur nach der Staatsangehörigkeit der Personen, sondern zusätzlich nach dem Migrationshintergrund, zumindest jedoch nach dem Herkunftsland gefragt werden. Diese Differenzierung wurde erstmalig im Rahmen des Mikrozensus 2005 (vgl. Statistisches Bundesamt 2006) berücksichtigt.

Die Ergebnisse des Mikrozensus 2005 waren zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Handbuches noch nicht veröffentlicht, sodass die folgenden Aussagen auf den Daten der Ausländerstatistik basieren. [1]

Ausländer gesamt
Nach dem Ausländerzentralregister lebten Ende 2009 insgesamt 7,1 Millionen Ausländer in Deutschland, was einem Anteil von 8,7 % an der Gesamtbevölkerung entspricht. Damit ist der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung, nachdem dieser fünf Jahre lang nahezu unverändert geblieben und dann leicht zurückgegangen ist, inzwischen wieder etwas gestiegen (vgl. Tabelle 5). Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass sich die gesamtdeutschen Werte deutlich von Werten in manchen Großstädten und insbesondere in vielen Stadtteilen unterscheiden, in denen der Ausländeranteil bei über 50 % liegen kann. Daher sollte der Ausländeranteil der Gesamtkommune stets mit den Anteilen in den jeweiligen Stadtteilen verglichen werden.

[Zum Vergleich die Zahlen des Mikrozensus: Im Jahr 2005 lebten 15,3 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Dies entspricht 19 % der Wohnbevölkerung (82 Mio.). Diese 19 % hatten zu 10 % die deutsche und zu 9 % eine ausländische Staatsangehörigkeit. Die beiden größten Migrationsgruppen sind mit etwa 5 Mio. Personen Deutschrussen und mit über 2 Mio. Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (Mikrozensus 2005).]

Tabelle 5: Gesamtbevölkerung und Ausländer 1990–2009, Ausländerbestandsdaten1)

Quelle: Statistisches Bundesamt, Ausländerzentralregister, eigene Berechnung

Altersgruppen

2009 beträgt der Anteil der Ausländer im Alter von 65 Jahren und älter an der Gesamtbevölkerung in diesem Alter 4,1 %. Verglichen mit der deutschen ist die ausländische Bevölkerung insgesamt deutlich jünger: So sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 20,2 % der nicht-deutschen Population 55 Jahre und älter, wohingegen der entsprechende Anteil der deutschen Vergleichsgruppe bereits bei 33,7 % liegt (Gesamtbevölkerung: 32,6 %). Im Alter von 65 Jahren und älter beträgt dieser Anteil unter allen Ausländern 9,4 % (19,6 % der Gesamtbevölkerung sind über 65 Jahre). Hochaltrigkeit spielt in der ausländischen Population derzeit noch fast gar keine Rolle (vgl. Tabelle 6).

Allerdings ist anzumerken, dass die Anzahl der über 65-jährigen Ausländer seit 1997 von 275.752 auf 667.000 um über 142 % zugenommen hat, mit weiter steigender Tendenz.

Tabelle 6: Anzahl und Anteil Ausländer nach Geschlecht und Alter (31.12.2009)

Quelle: www.destatis.de Statistisches Bundesamt – Ausländerzentralregister (Stand: 31.05.2009), eigene Berechnungen, Fehler rundungsbedingt

Geschlecht

Die Geschlechterproportion unter den Ausländern entspricht derjenigen in der Gesamtbevölkerung. Die Dominanz der Männer in der Altersgruppe über 65 Jahre lässt sich u. a. mit der vornehmlich auf Männer konzentrierten Anwerbepolitik von 1955 bis 1973 erklären. Erst jenseits der 75-Jahresgrenze überwiegen die Frauen – 51,8 % der über 75-jährigen ausländischen Personen sind weiblich. Insgesamt hat sich jedoch im Verlauf der Jahre durch Familiennachzug, Heiratsmigration und Geburten die noch Anfang der 1970er Jahre stark männlich dominierte Migrantenpopulation zugunsten der Frauen verändert (vgl. Tabelle 7).

Tabelle 7: Ausländer nach Alter und Geschlecht (31.12.2009)

Quelle: www.destatis.de Statistisches Bundesamt – Ausländerzentralregister (Stand: 31.12.2009), eigene Berechnungen

Ausländergruppen

Die meisten der in Deutschland lebenden Ausländer gehören zur Gruppe der ehemaligen sogenannten Gastarbeiter. Die Türken stellen dabei mit 1,7 Mio. die größte Gruppe der ausländischen Population – das entspricht einem Viertel (26 %) aller Ausländer – gefolgt von den Italienern und den Einwohnern aus dem ehemaligen Jugoslawien (8 bzw. 7 %). An vierter Stelle liegen Personen griechischer und polnischer Herkunft mit jeweils einem Anteil von 5 %, gefolgt von Personen aus Kroatien (3 %) (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: Die häufigsten ausländischen Bevölkerungsgruppen nach Staatsangehörigkeiten (31.12.2005)

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Ausländerzentralregister, eigene Berechnungen

Ausländergruppen und Nationalität
Hinsichtlich der Altersstruktur gibt es unter den verschiedenen Nationalitäten in Deutschland deutliche Unterschiede (vgl. Tabelle 8). So ist der Anteil der Älteren unter den spanischen Migranten am höchsten, gefolgt von den Einwanderern aus Kroatien und Griechenland. Wesentlich jünger sind die Migranten aus Bosnien und Herzegowina sowie aus Portugal. Auch unter der türkischen Bevölkerung ist der Altenanteil noch vergleichsweise niedrig. In dieser Altersverteilung spiegelt sich nicht zuletzt auch die Praxis der Anwerbepolitik wider, die sich zunächst auf die südlichen EG-Mitgliedsländer konzentrierte.

Tabelle 8: Altersstruktur ausgewählter Staatsangehörigkeiten 2009

 

55 bis unter 65 Jahre

65 Jahre und älter

insgesamt

 

absolut

%

absolut

%

absolut

EU 27

384.000

8,2%

221.000

4,7%

4.690.000

Türkei

211.000

8,4%

153.000

6,1%

2.502.000

Serbien und Montenegro

50.000

16,8%

20.000

6,7%

297.000

Italien

100.000

13,0%

67.000

8,7%

771.000

Griechenland

43.000

11,5%

41.000

10,9%

375.000

Polen

142.000

10,9%

128.000

9,9%

1.298.000

Kroatien

85.000

23,2%

40.000

10,9%

367.000

Bosnien-Herzegowina

36.000

15,0%

12.000

5,0%

240.000

Afrika

27.000

5,7%

9.000

1,9%

477.000

Asien, Australien, Ozeanien

166.000

8,1%

114.000

5,5%

2.060.000

insgesamt

1.244.000

9,5%

805.000

6,2%

13.077.000

Quelle: Mikrozensus 2009

Wenn von Menschen mit Migrationshintergrund die Rede ist, ist auch die Gruppe der Eingebürgerten sowie die der (Spät-)Aussiedler zu berücksichtigen: Laut der Einbürgerungsstatistik von 2003 lassen sich vermehrt jüngere Personen einbürgern. Über die Hälfte der insgesamt 140.700 Personen, die in diesem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Demgegenüber ist der Anteil der Älteren (über 50) mit 4,4 % vergleichsweise gering.

Beachtlicher scheint jedoch die Anzahl der Senioren unter den (Spät-)Aussiedlern zu sein. Allerdings liegen dazu keine verlässlichen Bestandsdaten vor, es werden lediglich die Daten der eingereisten (Spät-)Aussiedler erhoben. Danach waren unter den knapp 60.000 Aussiedlern, die 2004 nach Deutschland eingereist sind, 9,2 % über 60 Jahre alt. Die Frauen machten dabei mit über 60 % die Mehrheit aus. Ausgehend von einem Anteil von 10,2 % der über 60-jährigen (Spät-)Aussiedler, die pro Jahr eingewandert sind, und unter Berücksichtigung derjenigen, die nach der Aufnahme das 60. Lebensjahr erreicht haben, kann Schätzungen zufolge heute mit einer Gesamtzahl von über 400.000 in Deutschland lebenden (Spät-)Aussiedlern dieser Altersgruppe gerechnet werden (Müller-Wille, 2004). Damit zählt diese Bevölkerungsgruppe nach der Gruppe der ehemaligen Gastarbeiter zur zweitgrößten Gruppe älterer Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

Anteil der älteren Ausländer wächst
Die Gruppe der älteren Ausländer (60 Jahre und älter) in Deutschland kann als die am stärksten anwachsende Bevölkerungsgruppe unter den Älteren angesehen werden. In den Jahren 1995 bis 2003 stieg die Anzahl der über 60-jährigen Ausländer bereits von 427.000 auf 757.000. Hinzu kommen eingebürgerte Menschen mit Migrationshintergrund und ältere Aussiedler, die zum Teil erst im höheren Alter nach Deutschland eingewandert sind.
Im Jahr 2010 werden in Deutschland schätzungsweise 1,3 Mio. ältere Mitbürger über 60 Jahre mit ausländischem Pass leben, bis 2030 wird mit über 3 Mio. gerechnet.
 
Obwohl die ungenauen Statistiken über ältere Menschen mit Migrationshintergrund keine verlässlichen Aussagen über Bevölkerungsbestand und -prognosen erlauben, kann davon ausgegangen werden, dass der Altenanteil in der hiesigen Migrantenpopulation auch künftig stark zunehmen wird.
Viele ältere Gastarbeiter haben in ihrem Berufsleben vor allem körperliche Tätigkeiten und z. T. die Gesundheit belastende Berufe ausgeübt, was häufig dazu führt, dass sie krankheitsbedingt früh aus dem Erwerbsleben ausscheiden und ggf. früher pflegebedürftig werden.
Auch wenn die familiären Hilfsnetzwerke stärker ausgeprägt sind, kann zukünftig nicht mehr automatisch davon ausgegangen werden, dass die Pflege und Betreuung im Bedarfsfall von Familienangehörigen übernommen wird. Gründe dafür sind auch hier die Pluralisierung und Individualisierung der Lebensformen sowie die von Erwerbspersonen geforderte räumliche Mobilität und berufliche Flexibilität.
Vor diesem Hintergrund wird der Handlungsbedarf aufseiten der Kommunen deutlich: Ältere Menschen mit Migrationshintergrund sollten z. B. über das örtliche Seniorenangebot (in ihrer Heimatsprache) informiert und ihre Bedarfe und Interessen erfragt werden. Mit den Trägern ambulanter Pflegedienste, aber auch stationärer Einrichtungen müssen kultursensible Konzepte entwickelt werden, die an die Bedürfnisse unterschiedlicher Migrantengruppen angepasst sind; so sind z. B. die individuellen Bedürfnisse von Muslimen zu berücksichtigen. In diesem Sinne müssen auch die Mitarbeiter weiterqualifiziert werden. Zudem ist an eine Zusammenarbeit mit Kulturvereinen zu denken.

Mehr zu diesem Thema:
Expertise zum Fünften Altenbericht „Lebenslage älterer Migrantinnen und Migranten in Deutschland“, Bericht als PDF
Studie zu älteren Menschen mit Migrationshintergrund in Lünen (Kreis Unna), Kurzbericht „Lebens- und Bedarfslagen älter werdender Migranten“ als PDF
Armuts- und Reichtumsbericht, Homepage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales
Strukturdaten der ausländischen Bevölkerung, Bericht als PDF
Bericht zum Migrationsgeschehen, Bericht als PDF
Statistisches Bundesamt (2007): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit: Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2005 (Fachserie 1 Reihe 2.2), Bericht/Ergebnisse als PDF oder Excel-Tabellensatz
Müller-Wille, Christina (2004): Im Alter eingewandert – Zur Lebenssituation von Senioren und Seniorinnen aus der Gruppe der Spätaussiedler. IKoM-Newsletter 7/2004. 3–5, Newsletter als PDF

[1] Die Ergebnisse des Mikrozensus sind mittlerweile abzurufen unter www.destatis.de/shop.